Wahrscheinlich ist "A Tangle of Mokosha" eine der traurigsten, zugleich aber auch eine der zartesten und schönsten CD-Produktionen, die in diesem Jahr veröffentlicht wurde.
OJRA, das sind vier hervorragende Musikerinnen und Musiker, allesamt eingebunden in der institutionell-akademischen Szene der ostukrainischen Metropole Kharkov: Sängerin Halyna Breslavets unterrichtet Gesang und Stimme an der staatlichen Musikakademie, die Violinistin Natalka Dudynska ist am Musiktheater der Stadt tätig; Petro Yuha ist Mitglied des Orchesters der Philharmonie, bei OJRA spielt er die Mundorgel Hulusi, die bulgarische Flöte Dvoyanka und Gitarre; und Yurko Yefremov musiziert auf Bass, Dulcimer, der Maultrommel Drymba und dem Knopfakkordeon Bayan.
Bereits seit 10 Jahren betreiben OJRA musik-ethnologische Forschungen und interpretieren uraltes, über die Jahre verschüttetes ukrainisches Liedgut.
Dieses ist überaus gefühlsintensiv, manchmal beschwingt und heiter, so dass man mittanzen möchte, manchmal aber auch so todtraurig, dass man beim bloßen Hören den Atem anhalten muss.
Einige dieser tief sehnenden und klagenden Lieder voll wunderschöner Melodien stammen noch aus vorchristlicher Tradition.
Anfang 2009 stieß die Gruppe bei einem Festival auf den international profilierten Andrey Kiritschenko, der seit Mitte der 90er Jahre den Ruf genießt, einer der spannendsten Klangkünstler digitaler Musikkultur zu sein. Kiritchenko hat bei weltweit über 40 Veröffentlichungen mitgewirkt und ist Betreiber des weit über die Ukraine hinaus bekannten Labels "Nexsound".
Gemeinsam entwickelten sie ihren faszinierenden Sound:
Während die Musiker von OJRA die traditionellen Lieder so authentisch wie möglich, mit berührenden Stimmen und klagenden Geigen, zur Aufführung bringen, gibt Andrey Kiritchenko dieser Wiederauferstehung einen sehr sanften, jedoch nachhaltig wirkenden Schub Richtung Vergegenwärtigung, indem er mit Electronica und künstlichen Beats, mit eingespielten Naturgeräuschen und mäandernden Loops die traditionellen Klänge bereichert und kontrastiert.
Kiritchenkos einfühlsame Ambient- und Fieldrecording-Arrangements drängen sich nie in den Vordergrund, sensibel ergänzen sie die Klangfarben des Folk-Ensembles, gemeinsam erzeugen sie eine ungemein suggestive Wirkung, der man sich kaum entziehen kann.
So entsteht eine tragende Symbiose aus Tradition und Moderne, aus Naturklang und künstlichen Sounds, eine Musik zwischen Magie, Märchen und Meditation, die in ihrer Wirkung manchmal an die Klangperlen des Briten David Sylvian erinnern, manchmal auch etwas von einer Art osteuropäischer Björk erahnen lassen. Folktronic per exellance.
Das die Musiker hierzulande völlig unbekannt sind sollte niemanden irritieren. Mit »A Tangle of Mokosha« gelang OJRA und KIRITCHENKO ein seelentiefes Kleinod, eine ungemein berührende Musik, zeitlos schwebend zwischen Gestern und Morgen.
____________________
Spannender, neuer Osten:
Ojra & Kiritchenko – ukrainischer Folk trifft experimentelle, elektronische Sounds
Ukraine? Ukraine! Oder: Die positiven Seiten der Globalisierung, der Digitalisierung, der Facebookisierung...
Geschrieben von BEATE BAUM
Ojra allein – das wäre „nur“ Ukraine, ohne Satzzeichen. Folkmusik, gut gemachte, für mitteleuropäische Ohren recht fremd klingende Folklore. Da singt Halyna Breslavets Weisen, die ihr Geheimnis dank der fremden Sprache für sich behalten, da klagt Natalka Dudynskas Geige, und die beiden Männer, Petro Yuha und Yurko Yefremov, lassen Gitarre, Bass, Dulcimer, Maultrommel und Akkordeon sprechen. Plus ein halbes Dutzend anderer Instrumente, deren Namen man hierzulande noch nicht einmal kennt. So weit, so schön.
Mit Klangkünstler Andrey Kiritchenko jedoch kommen Frage- und Ausrufezeichen. Geboren 1976, begann er 1991 als Sänger einer Rockband, schrieb eigene Songs. Fünf Jahre später entdeckte er die elektronischen Musikmöglichkeiten und experimentiert seitdem mit Kombinationen akustischer und digitaler Klänge, zarter Melodien und schlichter Geräusche. Mit ihm werden Ojras Stücke fremder und weniger fremd, raum-zeitlich losgelöst und mit ganz neuen Koordinaten festgeschrieben.
Vor gut einem Jahr trafen die beiden Welten aufeinander, in diesem Frühjahr erschien „A Tangle of Mokosha“ und schon bald begann man im Westen auf Ojra & Kiritchenko aufmerksam zu werden.
Da ist das uralte, sowohl heidnische als auch christliche Liedgut des Ostens mit seiner Suggestivwirkung, seiner unterschwelligen Traurigkeit, aber auch, wie in „Volyky“, dem Charakter fröhlicher Volksfest-Tänze. Da gibt es Klänge, die an sanfte Schlaflieder denken lassen, wie „Luli-luli“, da entführen einen Glockenspiel und Xylophon in „Chi bulo lito“ in andere Sphären. Und nicht nur dort trifft man auf Vogelzwitschern, aber auch auf Elektropop-Sequenzen, Elemente von Trance-Tanzmusik (in „Na Ivana Kupala“), blubbernde Ströme in „Khata“ – die wundersamer Weise in romantischen Akkordeonläufen aufgefangen werden. Und mit diesen gemeinsam über einen sommerlichen Teich zu flimmern scheinen.
Das ganz und gar Wunderbare: Die Vereinigung erscheint stets organisch, hier wird nichts aufgepfropft oder darübergestülpt. Wer an all die fürchterlichen Versionen alter Pophits denkt, bei denen auf einmal elektronische Töne die Melodie stören – der liegt komplett und total falsch. Hier stört gar nichts, sondern eins gehört zum anderen, eins bedingt das andere, eins treibt das andere an und sorgt auch wieder für die nötige Verzögerung. Ehrfurchtsvoll und respektlos zugleich. Wer Ojra & Kiritchenko hört, der erlebt den neuen Osten. Einen, der spannender kaum denkbar ist.
____________________
P R E S S E
Schon viele Versuche, traditionelle Musik mit moderner zu fusionieren, scheiterten grandios.
Hier haben wir ein tolles Gegenbeispiel, das es durchaus geht, wenn man mit der Materie ebenso ehrfurchtvoll wie respektlos und innovativ arbeitet.
MUSIK AN SICH
Zurück