Spannend, diese Kombinantion
Mark Olson und Ingunn Ringvold zu Gast in Dresden

Geschrieben von ANDREAS KÖRNER

Begriffe wie „Americana“ oder „Alternative Country“ sind längst eingeführt und verweisen zumeist auf das Wurzeltreue im US-Rock. Dann etwa, wenn die Fiddles der Appalachen auf die E-Gitarren der Metropolen treffen.
In den letzten 20 Jahren hat eine Formation diese Sub-Genres der populären Musik wesentlich mitbegründet: The Jayhawks. Mark Olson hatte sie 1985 zusammen mit Gary Louris ins Leben gerufen, infiziert von einflussreichen Helden wie Crosby, Stills, Nash & Young, The Band oder Gram Parsons Flying Burrito Brothers. Noch heute steht ein strammer Fanpulk bereit, um über die Platten der Jayhawks zu schwärmen. Besonders „Tomorrow The Green Grass“ von 1995 ist ein bestens gehüteter Schatz.
Louris und Olson waren und sind zwei überaus begnadete Songschreiber, Sänger und Instrumentalisten. Als Letzterer die Band aus privaten Gründen verließ, machte man sich um ihn die wenigsten Sorgen.

Und es kam, wie es kommen musste: Mark Olson spielt sich bis heute in losen Abständen in die Herzen. „Es ist Teil meiner privaten Tagesordnung, den Menschen zu erzählen, dass sie nicht einfach ihr ganzes Leben in einer Stadt oder in einem Auto leben können“, sagt der 49-Jährige. „Ich schreibe über Familien und Menschen, die ich kenne. Ich ordne sie als etwas ein, das vielleicht für den besseren Weg steht.“

Olson selbst hat nach ruhelosen Jahren längst eine Heimat in der kalifornischen Wüste gefunden. Nach Joshua Tree zog er mit seiner früheren Frau, der Singer/Songwriterin Victoria Williams, mit der in der Post-Jayhawkes-Ära großartige Alben (erschienen hierzulande vorrangig bei Glitterhouse) entstanden sind. Erst im Trailerpark, später auf einer kleinen Farm. Nicht länger für Monate in einem sterilen Studio am Material zu feilen, war das Ziel, sondern die sehr direkte Art Musik entstehen und Ideen reifen zu lassen. Und wenn der Hund bellt und der Esel scharrt – war es gut so.

Nach den Jayhawks unterhielt Olson die Creekdippers in verschiedenen Besetzungen, und auch Altkumpel Gary Louris stand 2009 für ein Duo-Projekt wieder zur Verfügung. Es waren immer private Songs, die auf den Kern des kleinen und großen Miteinanders zielen. Williams/Olson haben aber auch politisch Stellung bezogen. Dass sie mit Ex-Präsident George W. Bush nicht besonders gut konnten, einte sie mit vielen Kollegen. „Political Manifest“ von 2004 erzählt davon. Es sollte ihre letzte gemeinsame Platte sein. Zuvor erfüllte sich Olson einen Kindertraum, begann ein Geologie-Studium. Doch ein anderer Traum zerbrach: Tränen, Trennung, Schmerzen, Scheidung. Mark Olson: „Ich dachte, Vic und ich schaffen dieses lebenslange Ding miteinander.“

Er zieht eine Zeitlang nach Europa, arbeitet in Cardiff mit der Singer/Songwriterin Charlotte Greig und ihrem Mann, dem Schriftsteller John Williams, kehrt nach dem Glätten der Wogen nach Joshua Tree zurück. Dort lebt er noch heute, und dort entstand auch „Many Coloured Kite“, das erste gemeinsame Album mit der Norwegerin Ringunn Ingvold. Die 30-jährige Sängerin, Komponistin und Multiinstrumentalistin gehört seit einiger Zeit zur Stammbesetzung von Olsens kleiner Tourband und ist oft auch Teil des Konzerts, wenn Olson mit Louris auftritt:
„Sie bringt so wundervolle Harmonien ...“, schwärmt Olson.
Der Song „The Rose Society“ vom Louris/Olson-Album „Ready For The Flood“ wurde von Ringvold co-komponiert. Geboren wurde Ringvold im südnorwegischen Larvik, sang mit fünf im Kinderchor – und konnte mit zwölf schon auf vier reguläre Platten verweisen. Sie lernte Gitarre, Klavier, Percussions, sang weiter im Chor, bevor sie nach Bergen zog und Musik studierte. Dort traf Ringvold 2006 auf Mark Olson, der sie hörte und sofort engagierte. Unter dem Künstlernamen Sailorine entstand 2008 in Oslo und Los Angeles die erste eigene CD „Girl In A Sailor Suit“. Auch hier war Olson beteiligt. In Joshua Tree wurde u.a. das Video zum Weihnachtslied „Swing Low“ gedreht.

Mark Olson war und ist einfach zu lieb fürs harte Musikgeschäft. Seine Prioritäten waren stets eindeutig, denn er legte nie Wert auf Äußeres, auf Schein und Show, zeigte sich immer reduziert, geerdet, aufs Wesentliche reduziert. Was wird aus einem Jungen, wenn sein Vater tragisch stirbt, und der Junge ist erst 13? Mark Olson hat auch darauf seine Antwort gesucht. Und gefunden.
Ein Fan sagt über ihn in einem Blog: „Marks Stimme spricht einfach zu mir. Das ist die Art von Musik, die ich machen würde, wäre ich talentiert genug. Er ist so wahrhaftig in dem, was er tut.“
Wunderschöne, fragile, lichtdurchflutete und schattige, warmherzige, oft brüchige Folk-Songs. Lebenslieder. Liebeslieder. Mit Mark Olson macht ein ganz Großer seinen nächsten Schritt nach Dresden. Mit Ingunn Rinvold eine große Unbekannte. Spannend, diese Kombination.
Text von Andreas Körner

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P R E S S E

Der Stern von Mark Olson ging vor 20 Jahren langsam auf. Und lange schien es so, als könne er nur mit einem anderen Stern an seiner Seite wirklich leuchten, was fast paradox wirkte in einem Musikbetrieb, der in der Regel doch recht egomanisch daherkommt. Mit Gary Louris, seinem Kreativ-Partner bei den Jayhawks, definierte Olson als Songschreiber und Sänger das Americana-Genre mit Alben wie "Hollywood Town Hall" fast im Alleingang. Als er dann die Band 1995 kurzerhand und überraschend verließ, um dem Ruf seiner Liebe zu Victoria Williams zu folgen, trug die Fan-Gemeinde Trauer. Nicht allzu lange indes, denn mit seiner Lebensgefährtin etablierte er in der kalifornischen Joshua Tree-Wüste unter dem neuen Firmenschild The (Original Harmony Ridge) Creekdippers ein hippieskes Kreativaussteigermodell, das so manche schöne Platte hervorbrachte.
DEUTSCHLANDFUNK

Willie Nelson, Bob Dylan, Gram Parsons, Johnny Cash sind zu spüren, doch Mark Olsons ist ganz einzigartig. Sanft im Ton, ausgefeilt in den Arrangements, groß in den Themen: Album des Jahres.
LOTUS

Folk On The Ranch
Zehn Jahre lang war es steil nach oben gegangen. Von einer Collegeband, die ihren ersten Auftritt 1985 vor weniger als einem Dutzend Zuhörer absolviert hatte, waren die Jayhawks unter dem Schlagwort "Alternative Country" in den neunziger Jahren zu einer der verheißungsvollsten Formationen der amerikanischen Rockszene aufgestiegen. Die Gruppe um den Gitarristen und Sänger Mark Olson war bei Rick Rubins Label American Recordings unter Vertrag (neben u.a. den Red Hot Chili Peppers) und gingen mit "Top Acts" wie den Black Crowes und Tom Petty auf Tournee. Die Zukunft sah mehr als rosig aus. Die Jayhawks wurden als die kommende Band am Rockfirmament gehandelt. Der Durchbruch schien unmittelbar bevorzustehen. Doch genau zu diesem Zeitpunkt geschah das Unerwartete: Bandleader Mark Olson warf das Handtuch.
Er kehrte dem Rockbusiness den Rücken und stieg aus. Radikaler Bruch statt Durchbruch! "Auf Tour mit den Rockgiganten wurde mir klar, was es bedeutet, an der Spitze mitzumischen", umreißt er das Motiv für den Ausstieg. "Ich mochte den ganzen Rock'n'Roll-Zirkus nicht: in riesigen Stadien auftreten, Monate lang auf Tour in Hotels und auf Flughäfen leben, dabei immer nur ein Ziel vor Augen - Millionen Alben zu verkaufen. Das interessierte mich nicht. Ich fühlte mich eingesperrt und eingeengt, wollte musikalisch etwas anderes mit meinem Leben anfangen."

Olson hatte weder klare Vorstellungen, wie es musikalisch weiter gehen sollte, noch hatte er große Pläne. Er wollte einfach eine Pause einlegen, tief durchatmen und wieder einen klaren Kopf gewinnen.
Ein paar Jahre zuvor hatte er die Sängerin Victoria Williams kennen gelernt. Sie hatten geheiratet und in der kalifornischen Wüste eine verwitterte Ranch erworben, deren Renovierung ihn eine Zeitlang in Anspruch nahm. "Der Rock'n'Roll-Lebensstil verträgt sich nicht besonders gut mit einem normalen Familienleben", beschreibt Olson den Interessenkonflikt. "Und dann fragst du dich, was wirklich im Leben zählt."

In der Auszeit begannen sich Mark Olson und Victoria Williams intensiv mit älteren Formen der Countrymusik zu befassen, wobei der Bluegrass-Stil der Louvin Brothers sowie Bands des Folkrevivals wie die Holy Modal Rounders die beiden besonders in ihren Bann zogen. "Die Louvin Brothers gehören schon lange zu meinen Helden", konstatiert Olson. "In ihren Songs findet sich wirkliche Poesie. Ira Louvin, der die Lieder schrieb, war schlicht ein Genie. Die Akkordwechsel, die Melodien und Harmonien und dann die Texte machen einige seiner Songs zu wahren Meisterwerken - unglaublich! Sie inspirierten mich auf vielfältige Weise."
Olson und Williams studierten die Kunst des Liederschreibens der Bluegrass-Pioniere und nahmen ihren komplexen Harmoniegesang genauer unter die Lupe. Allmählich begann sich ihr musikalisches Koordinatensystem zu verschieben. "Uns schwebte eine andere Art von Musik vor: eine offene, experimentelle Folkmusik. Wir wollten einfach nur Musik machen, mit Leuten, mit denen wir gerne zusammen sind. Ganz entspannt, ganz natürlich und ohne Stress miteinander musizieren und sehen, was dabei herauskommt", erläutert Olson den Ansatz.

Ohne Victoria Williams hätte Olson den Kurswechsel nicht vollzogen. Er war fasziniert von der brüchig-expressiven Stimme seiner Ehefrau, die in der Lage war, mit ihrem Gesang Gefühle pur zu versprühen, und am ehesten noch mit Iris de Ment oder Janis Joplin zu vergleichen wäre. Darüber hinaus hatte sie Olson die Ohren dafür geöffnet, auf was es als Musiker wirklich ankommt. Nicht die Musik marktgerecht nach kommerziellen Kriterien auszurichten, sondern einen Stil zu entwickeln, der einmalig und unverwechselbar ist. Eine individuelle Ausdrucksweise finden: den "Self-Sound"!
Musikalisch reduzierten die beiden nun ihre Songs auf das Allernötigste. Sie konzentrierten sich auf die Melodien im Harmoniegesang und versuchten durch unterschiedliche Instrumente (vom Dulcimer bis zum Wah-Wah-Banjo) und abwechslungsreiche Arrangements den verschiedenen Stücken jeweils einen anderen Klangcharakter zu geben. In den Liedern kam das neu gewonnene Gefühl von Freiheit beinahe emphatisch zum Ausdruck, dazu ein starker Sinn für die Besonderheiten eines Orts sowie ein fast kindliches Staunen über die Dinge der Natur. In den Texten wurde von kleinen Begebenheiten des Lebens erzählt und versucht, allgemeinere Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.
"Wir beschreiben meistens Ereignisse, wie sie anderen Leuten oder uns passiert sind und welchen Gewinn man daraus ziehen kann", erläutert Olson. "Manchmal sind es schlimme Erfahrungen, die geschildert werden, wobei man versuchen sollte, nicht mit dem Schicksal zu hadern, sondern in der Zeit, die einem bleibt, das Beste aus seinem Leben zu machen."
FOLKER

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